Gesche Roy arbeitet beim Innovative Retail Laboratory im Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken an einer möglichen Umsetzung für den intelligenten Supermarkt der Zukunft.

Gesche Roy
Innovative Retail – was darf man sich darunter vorstellen?
Das Einkaufen der Zukunft. Einkaufen ist völlig alltäglich und da ist es doch naheliegend, dass neue Technologien wie Ubiquitous Computing und RFID auch das Einkaufen verändern werden.
Ubi… – was?
Ubiquitous Computing sind allgegenwärtige Computer. Mittlerweile hat jede Person mehrere Computer: PC, im Handy und noch einem im Auto oder am Fernseher/in der Spielkonsole. Wenn die alle vernetzt sind, verändert das unheimlich viel. Und es kommen mehr Computer dazu – in der Kaffeemaschine, in der Heizung des Eigenheims…
Durch die Vernetzung sollen Annehmlichkeiten bereitgestellt werden, wie zum Beispiel intelligente Häuser?
Genau. Wir konzentrieren uns auf den Supermarkt der Zukunft. Da hat zum Beispiel Dein Kühlschrank auch einen Computer und Internetanschluss. Du kannst die Prospekte des Supermarktes Deiner Wahl abrufen und eine Einkaufsliste zusammenstellen. Die schickst Du an Dein Handy. Damit kannst Du sie von überall vom Handy aus editieren. Oder diese Liste Deinen Freunden, die zur Grillparty eingeladen sind, freigeben. Wenn Du dann im Supermarkt bist, hast Du die aktuellste Version auf Deinem Handy bei Dir. Das überträgt die Liste an den Einkaufswagen – der hat auch nen Computer. Und so zeigt der Einkaufswagen Dir die Route zu den Produkten auf Deiner Liste.
Cloud und crowd in Echtzeit vernetzt immer in der Hosentasche, verstehe. Woher weiss denn der Einkaufswagen, wo er mit mir hin muss?
Der hat eine Karte des Supermarkts intus. Der Supermarkt hat z.B. RFID-Tags im Fussboden, so dass der Einkaufswagen weiss, wo er gerade steht. Da suchen wir aber noch nach anderen Lösungen, Indoor-Navigation ist frickelig.
Über GPS ja eher schlecht realisierbar, weil der Empfang nicht garantiert ist und vermutlich auch die Genauigkeit zu grob?
Genau. Aber es gibt verschiedene Anbieter mit verschiedenen Ideen – wir testen noch
Ganz gut klappt die Kombination mit den RFID-Tags und einer optischen Maus, die Bewegungen genauso erkennt als wäre sie am Computer angeschlossen.
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Wie sieht denn überhaupt die Zusammenarbeit der für den Supermarkt der Zukunft vernetzten Computer aus? Ich kann mir gerade noch vorstellen, dass Daten von meinem Smartphone übermittelt werden. Über Bluetooth? Oder müsste ich das an den Einkaufswagen physisch anschliessen, über USB etwa?
Nein, physisch würde zu lange dauern und wäre zu umständlich. Bluetooth ist denkbar, ebenso NFC oder WLAN.
OK, der Einkaufswagen hat nun meine Liste. Was passiert dann?
Er zeigt die Liste an und Du wählst das Produkt aus, zu dem Du zuerst gehen möchtest. Der Einkaufswagen zeigt die Karte des Marktes und Deinen Weg an, so dass Du nicht ewig suchen musst.
Ich könnte dem Einkaufswagen auch sagen, er soll einfach die zeitsparendste Route auswählen?
Weil Du keine Zeit hast oder der Markt gleich schliesst. Wer aber lieber bummeln möchte, kann natürlich auch das tun
Wie reagiert denn der Einkaufswagen auf Abweichungen, ähnlich wie ein Navigationsgerät, das darauf besteht, dass eine Kehrtwende gemacht werden soll?
Nein, überhaupt nicht. Der Einkaufswagen spricht nicht, sondern hat ein kleines Display, auf dem der Weg angezeigt wird. Er zeigt dir eine alternative Route auf, ist aber völlig unaufdringlich. Man muss die Navigation natürlich auch nicht benutzen, sie kann abgestellt werden. Bei einem Produkt angekommen kann man es in den Einkaufswagen tun, der Einkaufswagen erkennt es und streicht es von Deiner Einkaufsliste.
Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob das Produkt das Richtige für Dich ist, kannst Du verschiedene Assistenz Systeme nutzen. Wir haben zum Beispiel einen digitalen Sommelier, einen Weinberater. Wenn Du eine Flasche aus dem Regal nimmst, stellt der Wein sich vor und sagt, zu welchen Gerichten er passt. Oder du hälst dein Handy vor eine Müslipackung, die wird erkannt und dann mit Deinem persönlichen Profil abgeglichen. Dein Handydisplay zeigt Dir dann, dass das Müsli Nüsse enthält, auf die Du aber allergisch bist. Das hat dann was von Augmented Reality.

Die Produktlupe im Smartphone
Ich könnte also meine Einkaufsliste beispielsweise von einem Ernährungsberater oder Arzt checken oder nach einer bestimmten Diät zusammenstellen lassen. In diesem Bereich sind sicher etliche Zusatz-Services denkbar.
Wir haben auch eine App gemacht, die in die Richtung geht: Du gibst Größe, Gewicht, Allergien etc ein und die App kommentiert dann Produkte bzw Deinen Einkauf. Wenn du etwa abnehmen willst, warnt sie Dich vor Produkten, die zu viele Kalorien haben. Kaufen kannst du sie natürlich trotzdem
Ich kann also Produkte kaufen, auch wenn sie nicht auf meiner Liste stehen. Was passiert denn im umgekehrten Fall: ein Produkt ist nicht vorrätig? Gibt es so eine Funktion wie das Verfolgen von Paketen bei der Post? Wo ich sehen kann, ob es vielleicht in den nächsten 5 Minuten nicht doch in’s Regal wandert?
Hmm, wir haben etwas gemacht, was das _könnte_, aber nicht tut.
Der Supermarkt könnte mir ja in diesem Fall einen Gratis-Kaffee anbieten.
Das stimmt, schöne Idee. Greifen wir mal auf.
Wir haben Produkte mit RFID-Tags versehen, auf denen ein Produktgedächtnis gespeichert ist. Die Produkte führen dann sozusagen Tagebuch. Und Du kannst im Supermarkt, aber auch am heimischen Kühlschrank Lagerung und Transport des Produktes nachverfolgen. Wir haben das so gemacht, dass Du das erst kannst, wenn Du das Produkt physisch hast. Aber es wäre natürlich denkbar, das auch zwischendurch einsehbar zu machen. Was sich dann aber eher für Paletten lohnen würde.
Bei unserem digitalen Produktgedächtnis geht es darum, nachverfolgen zu können, ob haargenau diese eine bestimmte Flasche Sekt. die Du willst auf der Fahrt durchgeschüttelt wurde. Oder ob diese Pizza wirklich während der kompletten Lieferkette tiefgefroren war.
Es geht also beim Supermarkt der Zukunft nicht nur um luxuriöse Annehmlichkeiten oder rationale Aspekte wie Zeitersparnis, sondern auch darum, die Produktqualität zu erhöhen?
Das klingt jetzt ein bisschen nach Werbung, aber unser Hauptsponsor ist Globus. Die sind nicht für niedrige Preise bekannt, sondern für ihre Kundenzufriedenheit. Und das ist quasi auch unser Auftrag, die Kundenzufriedenheit zu verbessern.
Globus wäre also einer der ersten Anbieter, die ihren Kunden so ein System zur Verfügung stellen würden?
Das kann man so nicht sagen. Sie sind einer der wenigen Konzerne, die daran forschen lassen. Viele der Technologien, die wir testen, sind noch sehr teuer. Viele Sachen brauchen also noch ein paar Jahre, bis sie eingeführt werden. Eines unserer Exponate kann man aber schon in einem Globus Markt ausprobieren. Das ist eine Navigation im Markt. Globus Märkte sind Hypermärkte, also Vollsortimenter mit gerne 60 000 Produkten und mehreren 100 qm Verkaufsfläche. Darum haben wir den Artikelfinder im Globus Saarbrücken-Güdingen installiert. Das ist ein Touscreen. Man kann über eine virtuelle Tastatur ein gewünschtes Produkt eingeben oder sich durch die Warenhierarchie (also etwa: Backwaren-> Kuchen -> Schokokuchen) klicken. Daneben wird eine Karte auf dem Bildschirm angezeigt, auf der der eigene Standpunkt und der Standort des Produkts angezeigt werden. Ausserdem auch die Regalnummer, weil Globus eben mit deutlich lesbaren Regalnummern arbeitet. Und dann weiß man wo das gesuchte Produkt ist und kann dahin laufen.
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Was passiert denn, wenn die Regale mal umgebaut werden und die aktuellen Nummern vertauscht werden oder einfach nur die Aktualisierung vergessen wird?
In genau diesem Globus Markt wird erst mal für sehr lange nichts mehr umgebaut, das ist aber eine Eigenart dieses Marktes. Kunden mögen es nämlich nicht, wenn umgebaut wird.
Tatsächlich kann sowas quasi nicht vergessen werden, weil unser Artikelfinder direkt an die Warenwirtschaft des Marktes angeschlossen und dadurch immer aktuell ist.
Das ist natürlich ein gutes Argument gegen Umsortierungen. Andererseits würde es mir als Kundin der Zukunft durchaus imponieren, wenn die Produktanordnung nicht mehr wie bisher nach bestimmten Warengruppen erfolgt, sondern immer aktuell nach den meistkombinierten Produkten, so dass ein möglichst kurzer Einkaufsweg entsteht.
Grundsätzlich eine schöne Idee, tatsächlich aber kaum umsetzbar, weil jedeR anders einkauft, Produkte anders kombiniert. Und man kann ja nicht für jeden Kunden den Markt umbauen.
Da liessen sich doch sicher Kombinationsprofile erstellen nach bestimmten Typen. Ich stelle mir vor, dass es so 3-4 Grundtypen geben kann, die dann nach links, schräg-links, schräg-rechts oder rechts geschickt werden.
Hmm, ich finde das immer noch schwierig und glaube auch, dass das höchstens nur für kleine Märkte funktioniert. Für einen Hypermarkt würde das nicht so gut klappen, weil Du zu viele Produkte hast, die Du theoretisch zusammen mit anderen kaufst, aber eben nur selten brauchst.
Mehrfache Produktplatzierungen wären ja nicht schlimm, denn der Supermarkt weiss ja, wo ich in welcher Kombination hin will. Es ist also nicht nur der Supermarkt selbst und dessen Logistik, die sich in Zukunft ändern werden. Auch die Kunden werden anderes Verhalten in der Interaktion mit den intelligenten Systemen entwickeln.
Genau so. Es ist eben auch erwartbar, dass Digital Natives an einen Supermarkt und seine IT ganz andere Ansprüche stellen werden, als das viele Kunden heute tun.
Ich könnte mir vorstellen, dass so ein System auch hilfreich ist bei Lebensmittelskandalen. Es lassen sich sicher betroffene Produkte schneller aus dem Verkehr ziehen beziehungsweise kann ich als Kundin auch schneller gewarnt werden. Beispielsweise gerade die Packung Fleisch von diesem Hersteller mit diesem Abpackungsdatum nicht zu kaufen.
Ausserdem kann man sehr schnell nachvollziehen, wer das verdorbene Produkt hergestellt, geliefert, gelagert hat. Und auch alle, die sich bevorratet haben, können zuhause am Kühlschrank nachschauen, ob sie etwas von der betroffenen Marge gekauft haben.
Könnte es da nicht eine automatische Warnung geben, die sich selbst über das Netz aktualisiert?
Im Prinzip ja, aber dann musst Du zulassen, dass eine Stelle ausserhalb Deines Hauses und ausserhalb Deines Einflussbereichs erfährt, welche Produkte Du hast. Sowas vermeiden wir eher aus Datenschutzgründen.
Wie sieht es denn mit den Bezahlvorgängen in Zukunft aus? Wäre es denkbar, dass es Kassen gibt, die nicht mehr personell besetzt sind, sondern nur noch aus einer Lichtschranke bestehen, bei deren Passierung automatisch bezahlt wird?
Ja, das wäre denkbar, kommt aber nicht so gut an. Wir haben immer noch eine Person an der Kasse, bei der man bezahlen kann und an die man sich bei Problemen mit der Technik wenden kann. Wir haben aber auch eben solche Gates, die alle Produkte im Einkaufswagene erkennen, ohne dass Du die aufs Band legen musst.
Bezahlmethoden haben wir verschiedene. NFC – sowohl im Smartphone als auch in Autoschlüsseln. Fingerabdruck und alles, was man so kennt
Auch QR-Codes? Etwa verbunden mit einer App ähnlich wie der von Starbucks?
Wir haben QR-Codes auf den Einkausfzetteln. Scannt man die ein, hat man den kompletten Einkaufszettel auf dem Handy – digital und durchsuchbar. Wir haben natürlich auch Apps, die QR-Codes lesen und Infos zu Produkten ausgeben.
Gibt es eine Prognose, bis wann sich der intelligente Supermarkt der Zukunft in der Breite etablieren wird, also eine Selbstverständlichkeit wird, ohne die wir gar nicht mehr leben wollen oder können?
Sehr schwer zu sagen, weil natürlich nicht klar ist, welche Technologien sich durchsetzen werden. Aber in 5 bis 10 Jahren dürften wir da deutlich schlauer sein
Ausser in dem bereits erwähnten Prototyp-Supermarkt in Saarbrücken: gibt es andere Möglichkeiten, dieses Stück technologischer Zukunft irgendwo anfassbar zu erfahren?
Also alles zusammen kann man nach Anmeldung jederzeit unser Labor in St. Wendel besuchen und ausprobieren. Der Artikelfinder steht in Saarbrücken Güdingen und kann da zu den Öffnungszeiten des Marktes genutzt werden.
Kontakt kann man über die Website aufnehmen?
Über http://www.innovative-retail.de/kontakt. Wir nutzen aber auch Twitter und Youtube als Kontaktmöglichkeit.
Wir werden wohl in Zukunft nicht nur technologisch bedingt anders Einkaufen – ich schätze, dass auch Ladendiebe andere Fertigkeiten entwickeln werden. Vielen Dank für das Interview.
Danke Dir. Gern Geschehen.






